Post-Intensive-Care-Syndrom: Welche Assessmentinstrumente empfehlen die Leitlinien?

Wer eine schwere Erkrankung auf der Intensivstation überlebt, trägt oft weitreichende Folgeschäden davon. Das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) umfasst körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen, die Monate bis Jahre nach Entlassung persistieren können; chronische Schmerzen zählen dabei zu den häufig unterrepräsentierten, aber klinisch relevanten Domänen, mit Prävalenzschätzungen im ersten Jahr nach Entlassung zwischen 14 und 77 % je nach Erhebungsmethode und Studienpopulation. Eine von unserer Arbeitsgruppe an der Medizinischen Universität Graz publizierte Übersichtsarbeit hat erstmals systematisch zusammengefasst, welche konsensbasierten Empfehlungen für das Assessment des PICS vorliegen.

Methodik

Bornemann-Cimenti und Kollegen führten eine systematische Literaturrecherche durch und identifizierten vier konsensuell erarbeitete Leitlinien zum PICS-Assessment. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Dokumente wurde mit dem AGREE-II-Instrument (Appraisal of Guidelines for Research and Evaluation) bewertet, das hohe Standards über alle vier Leitlinien hinweg belegte.

Ergebnisse

Alle vier Leitlinien stimmen in den Kerndimensionen des Assessments überein: Kognition, psychische Gesundheit und körperliche Funktion gelten konsistent als zentrale Domänen. Erhebliche Unterschiede bestehen jedoch in den konkret empfohlenen Instrumenten. Der Ansatz von Major et al. legt den Schwerpunkt auf die körperliche Untersuchung; Mikkelsen et al. schlagen ein Basispaket aus fünf Instrumenten vor, das die wesentlichen Domänen abdeckt; Spies et al. orientieren sich an pragmatischer Umsetzbarkeit und empfehlen ausschließlich frei verfügbare Instrumente, die innerhalb von 30 Minuten administrierbar sind; Nakanishi et al. liefern eine differenzierte Rangreihung der Instrumente für jede einzelne Domäne. Validierte Übersetzungen der empfohlenen Instrumente in andere Sprachen sind sehr uneinheitlich verfügbar, was die internationale Umsetzbarkeit einschränkt. Bemerkenswert ist zudem, dass einige speziell für das PICS entwickelte Instrumente in keiner der vier Leitlinien berücksichtigt wurden.

Diskussion

Das PICS ist als Konzept in der Intensivmedizin und Anästhesiologie zunehmend anerkannt, die Frage einer standardisierten Erfassung aber noch ungelöst; die vorliegende Übersicht macht diese Lücke klar sichtbar. Aus schmerzmedizinischer Perspektive ist besonders hervorzuheben, dass chronischer Schmerz – obwohl er eine eigenständige, häufige und belastende Folge kritischer Erkrankungen darstellt – in keiner der Leitlinien als eigenständige Kerndimension des PICS-Assessments geführt wird. Kemp und Kollegen haben in einem narrativen Review im British Journal of Anaesthesia bereits 2019 auf diese Leerstelle hingewiesen und das Fehlen validierter schmerzspezifischer Instrumente im Nachsorgekontext kritisiert; die vorliegende Arbeit zeigt, dass sich daran bis dato wenig geändert hat. Ein aktueller Übersichtsartikel in Anaesthesia Critical Care & Pain Medicine (Vardon et al., 2025) beschreibt das PICS als zunehmendes Public-Health-Problem und betont die Notwendigkeit strukturierter Nachsorgekonzepte, ohne das Schmerzthema ebenfalls ausreichend zu vertiefen.

Klinische Konsequenz

Für die klinische Praxis bedeutet die fehlende Vereinheitlichung, dass Betroffene je nach Zentrum und Land sehr unterschiedlich nachbetreut werden. Eine pragmatische, zeiteffiziente und sprachlich validierte Assessmentstrategie – wie sie Spies et al. anstreben – erscheint als sinnvoller Ausgangspunkt, sollte jedoch um ein systematisches Schmerzscreening ergänzt werden. Die vorliegende Arbeit unserer Gruppe liefert eine wertvolle Übersicht des aktuellen Stands und benennt konkrete Forschungsdesiderate für die Weiterentwicklung standardisierter PICS-Nachsorge.

Literatur

  1. Bornemann-Cimenti H, Lang J, Hammer S, Lang-Illievich K, Labenbacher S, Neuwersch-Sommeregger S, Klivinyi C. Consensus-Based Recommendations for Assessing Post-Intensive Care Syndrome: A Systematic Review. J Clin Med. 2025;14(10):3595. PMID: 40429591. DOI: 10.3390/jcm14103595
  2. Kemp HI, Laycock H, Costello A, Brett SJ. Chronic pain in critical care survivors: a narrative review. Br J Anaesth. 2019;123(2):e372–e384. PMID: 31126622. DOI: 10.1016/j.bja.2019.03.025
  3. Vardon F, Fleischmann-Struzek C, Latronico N, Cinotti R. Post-intensive care syndrome. What clinicians and researchers must know. Anaesth Crit Care Pain Med. 2025;45(1):101620. PMID: 41022213. DOI: 10.1016/j.accpm.2025.101620

References

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