Beeinflusst Tramadol die Thrombozytenfunktion? Eine ex-vivo-Studie

Tramadol ist eines der meistverwendeten Analgetika weltweit; neben seinem schwachen µ-Opioidrezeptoragonismus hemmt es auch die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin – ein Mechanismus, der konzeptionell dem der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ähnelt. Da für SSRI ein erhöhtes Blutungsrisiko durch Beeinträchtigung der Thrombozytenfunktion bekannt ist, stellt sich die Frage, ob Tramadol über denselben Weg die Plättchenaggregation klinisch relevant beeinflussen könnte. Unsere Arbeitsgruppe an der Medizinischen Universität Graz hat dieser Frage in einer ex-vivo-Laborstudie nachgegangen.

Methodik

In der Studie von Zoidl und Kollegen wurden Blutproben gesunder Probanden mit Tramadol in ansteigenden Konzentrationen versetzt: 0, 500, 1.500, 4.500 und 9.000 ng/mL, wobei der klinisch relevante therapeutische Bereich bei etwa 100–300 ng/mL liegt und die höchste Konzentration damit deutlich im supratherapeutischen Bereich lag. Die Thrombozytenfunktion wurde mittels Lichttransmissionsaggregometrie gemessen, einem etablierten Goldstandard in der hämostaseologischen Diagnostik. Als Aktivatoren dienten Adenosindiphosphat (ADP), Ristocetin und Thrombin-Rezeptor-Aktivierungspeptid (TRAP), die jeweils unterschiedliche Aktivierungswege der Thrombozyten stimulieren. Sieben gesunde Probanden gingen in die Endauswertung ein.

Ergebnisse

Über alle drei Aktivierungsmodalitäten und alle getesteten Tramadolkonzentrationen hinweg zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Thrombozytenaggregation gegenüber dem Ausgangswert. Dies galt sowohl für therapeutische als auch für ausgeprägt supratherapeutische Konzentrationen; der Friedman-Test ergab in keiner der Analysen statistische Signifikanz.

Diskussion

Die Ergebnisse sind klinisch beruhigend, bedürfen jedoch einer differenzierten Einordnung. Das erhöhte Blutungsrisiko unter SSRI ist epidemiologisch gut belegt und wird klassischerweise mit der Depletion des intratrombozytären Serotonins erklärt, da Thrombozyten kein eigenes Serotonin synthetisieren und auf den Serotonintransporter SERT zur Aufnahme aus dem Plasma angewiesen sind. Ein aktueller Review in Current Opinion in Hematology (Mokhtarian et al., 2024) zeigt allerdings, dass die tatsächliche Evidenz für eine direkte, durch SSRI vermittelte Beeinträchtigung der Thrombozytenaggregation in vitro weit weniger konsistent ist als gemeinhin angenommen; die klinisch beobachteten Blutungsereignisse dürften multifaktoriell bedingt sein. Dass Tramadol den SERT hemmt und dadurch die freie Plasma-Serotoninkonzentration erhöht, wurde in einem früheren experimentellen Ansatz von Barann und Kollegen (2015) gezeigt; die vorliegende Arbeit deutet jedoch darauf hin, dass dieser Mechanismus unter realistischen Konzentrationsbedingungen keine messbare Konsequenz für die Plättchenaggregation hat. Einschränkend ist anzumerken, dass die Stichprobengröße von sieben Probanden gering ist und individuelle Variabilität – etwa durch Polymorphismen im SERT-Gen – möglicherweise nicht vollständig abgebildet wird.

Klinische Konsequenz

Für die klinische Praxis liefern diese Daten einen ersten Hinweis, dass Tramadol hinsichtlich der Thrombozytenfunktion als vergleichsweise sicher eingestuft werden kann – ein relevanter Aspekt etwa bei perioperativen Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko oder bei Komedikation mit Antikoagulantien. Größere Studien, auch unter Berücksichtigung interindividueller genetischer Variabilität, sind erforderlich, um diese Einschätzung zu festigen.

Literatur

  1. Zoidl P, Bornemann-Cimenti H, Eichinger M et al. Tramadol and Its Influence on Platelet Function – An Ex Vivo Study. Hamostaseologie. 2026. PMID: 41679718. DOI: 10.1055/a-2780-3616
  2. Mokhtarian A, Siguret V, Jourdi G. Effects of selective serotonin reuptake inhibitors on platelet functions: a literature review. Curr Opin Hematol. 2024;32(1):22–33. PMID: 39401153. DOI: 10.1097/MOH.0000000000000847
  3. Barann M, Stamer UM, Lyutenska M et al. Effects of opioids on human serotonin transporters. Naunyn Schmiedebergs Arch Pharmacol. 2015;388(1):43–49. PMID: 25332055. DOI: 10.1007/s00210-014-1056-3
  4. Andrade C, Sandarsh S, Chethan KB, Nagesh KS. Serotonin reuptake inhibitor antidepressants and abnormal bleeding: a review for clinicians and a reconsideration of mechanisms. J Clin Psychiatry. 2010;71(12):1565–1575. PMID: 21190637. DOI: 10.4088/JCP.09r05786blu

References

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