CRPS nach distaler Radiusfraktur: wie häufig ist es wirklich?
Die distale Radiusfraktur ist eine der häufigsten Frakture, und das Komplexe Regionale Schmerzsyndrom (CRPS) gilt als ihre am meisten gefürchtete Komplikation. Die in der Literatur angegebenen Inzidenzraten schwanken dabei erheblich und reichen von unter einem Prozent bis in zweistellige Bereiche – eine Bandbreite, die das klinische Risikobewusstsein verzerrt und präventive Maßnahmen erschwert. Eine aktuelle populationsbasierte Registerstudie aus Dänemark von Melbye und Kollegen, erschienen in Acta Orthopaedica, liefert nun mit beachtlicher Fallzahl belastbarere epidemiologische Daten.
Methodik
Aus dem Dänischen Nationalen Patientenregister wurden alle Erwachsenen mit einer distalen Radiusfraktur im Zeitraum 1998 bis 2017 identifiziert. Insgesamt flossen 247.128 Frakturen bei 203.533 Patienten in die Analyse ein, mit einem mittleren Alter von 61 Jahren und einem Frauenanteil von 75 %. Als primärer Endpunkt galt die CRPS-Diagnose innerhalb eines Jahres nach der Fraktur, differenziert nach Altersgruppen, Geschlecht und Behandlungsmodalität (operativ vs. konservativ).
Ergebnisse
Innerhalb eines Jahres entwickelten 493 Patienten ein CRPS, was einer Einjahresinzidenzproportion von 0,20 % entspricht; die Inzidenzdichte lag bei 0,57 pro 100.000 Personenjahre. Der mediane Zeitraum zwischen Fraktur und CRPS-Diagnose betrug 89 Tage. Die höchste Inzidenzproportion fand sich in der Altersgruppe der 30- bis 65-Jährigen; Frauen waren mit 0,21 % geringfügig häufiger betroffen als Männer (0,16 %). Operativ behandelte Patienten hatten mit 0,31 % eine etwa doppelt so hohe Inzidenz wie konservativ behandelte (0,17 %). Bemerkenswert ist zudem ein zeitlicher Trend: Nach 2010 sank die Inzidenzproportion von 0,24 % auf 0,14 %, wobei die Ursache dieser Abnahme nicht abschließend geklärt ist.
Diskussion
Die von Melbye und Kollegen berichtete Inzidenz von 0,20 % liegt deutlich unter den in der älteren Literatur kolportierten Werten, die in Einzelstudien bis zu 13 % erreichten. Eine Metaanalyse von Lorente und Kollegen (Archives of Orthopaedic and Trauma Surgery, 2023) fasste eine gepoolte Inzidenz von 13,63 % zusammen – ein Wert, der die Diskrepanz zur vorliegenden Registerstudie augenfällig macht. Die Autoren selbst interpretieren ihre niedrige Rate als ein Minimum, da eine Unterdiagnose in einem administrativen Datensatz wahrscheinlich ist: CRPS wird klinisch häufig nicht formal kodiert, insbesondere wenn die Symptome mild verlaufen oder die Diagnose erst mit Verzögerung gestellt wird. Andererseits spiegeln klinische Studien mit aktiver Symptomsuche und engmaschigem Follow-up mutmaßlich eine Selektion besonders schwerer oder in Spezialzentren behandelter Fälle wider. Die Wahrheit dürfte zwischen diesen Extremen liegen, und die vorliegende dänische Studie dürfte – trotz ihrer methodischen Limitationen – der klinischen Realität in der Allgemeinversorgung am nächsten kommen. Der Befund einer höheren Inzidenz nach operativer Versorgung ist pathophysiologisch plausibel; ob er einem tatsächlich erhöhten Risiko entspricht oder lediglich eine intensivere postoperative Überwachung mit höherer Diagnosewahrscheinlichkeit widerspiegelt, lässt sich mit Registerdaten nicht sicher trennen. Hinsichtlich der Risikofaktoren decken sich die Befunde teilweise mit anderen Arbeiten: Xu und Kollegen (BMC Musculoskeletal Disorders, 2024) konnten in einer retrospektiven chinesischen Kohorte zeigen, dass weibliches Geschlecht, höheres Alter, psychologische Faktoren sowie hohe Schmerzintensität früh postoperativ das CRPS-Risiko erhöhten; frühzeitige Physio- und Ergotherapie wirkte protektiv.
Klinische Konsequenz
Für die Praxis bedeuten die vorliegenden Daten, dass das absolute Risiko eines CRPS nach distaler Radiusfraktur in der Allgemeinversorgung deutlich niedriger ist als vielfach angenommen – ein Befund, der übertriebene Patientenängste relativieren kann. Dennoch bleibt das CRPS eine klinisch bedeutsame Komplikation, die bei anhaltenden, unverhältnismäßig starken Schmerzen, trophischen Veränderungen oder vegetativen Symptomen nach Handgelenksbruch aktiv in Betracht gezogen werden muss. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Patientinnen mittleren Alters sowie operativ versorgte Fälle; außerdem sollte das psychische Befinden frühzeitig erhoben werden, da psychologische Vulnerabilität einen gut belegten Risikofaktor darstellt.
Literatur
- Melbye P, Pham TM, Nygaard NB et al. Incidence proportion of complex regional pain syndrome (CRPS) after distal radius fracture: a population-based register study. Acta Orthop. 2026;97:105–109. PMID: 41718642. DOI: 10.2340/17453674.2026.45443
- Lorente A, Mariscal G, Lorente R. Incidence and risk factors for complex regional pain syndrome in radius fractures: meta-analysis. Arch Orthop Trauma Surg. 2023;143(9):5687–5699. PMID: 37209231. DOI: 10.1007/s00402-023-04909-8
- Xu W, Liu Y, Zhang B, Ma J. Dynamic risk factors for complex regional pain syndrome after distal radius fracture surgery: multivariate analysis and prediction. BMC Musculoskelet Disord. 2024;25(1):899. PMID: 39533288. DOI: 10.1186/s12891-024-07948-3
- Roh YH, Gong HS, Baek GH. Prognostic Value of Pain Sensitization During Early Recovery After Distal Radius Fracture in Complex Regional Pain Syndrome. Pain Med. 2019;20(6):1066–1071. PMID: 30412230. DOI: 10.1093/pm/pny184