Psychologische Interventionen bei chronischem Schmerz: Was leistet die Psychotherapie gegen Katastrophisieren und für Resilienz?
Dass Schmerz weit mehr ist als ein rein körperliches Phänomen, gilt in der modernen Schmerzmedizin als gesicherter Ausgangspunkt. Dennoch überwiegen in der klinischen Praxis nach wie vor pharmakologische und interventionelle Verfahren, während psychologische Ansätze häufig als ergänzend oder nachrangig betrachtet werden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit hat sich nun gezielt der Frage angenommen, inwiefern psychotherapeutische Interventionen zwei spezifische kognitive Konstrukte beeinflussen können: das Schmerzkatastrophisieren und die psychologische Resilienz.
Methodik
Leccese et al. führten einen systematischen Review nach PRISMA-Leitlinien durch und durchsuchten die Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science für den Zeitraum von 2006 bis Februar 2024. Als Suchstrategie wurde das PIO-Schema (Population, Intervention, Outcome) verwendet; eingeschlossen wurden ausschließlich Studien, die psychologische Interventionen bei Patientinnen und Patienten mit körperlichem Schmerz untersuchten und dabei Katastrophisieren sowie Resilienz als validierte psychometrische Konstrukte erfassten. Die Qualitätsbewertung erfolgte nach Cochrane-Vorgaben (RoB 2.0 bzw. ROBINS-I). Von initial 411 identifizierten Arbeiten verblieben nach zweistufigem Screening letztlich zehn Studien für die qualitative Synthese.
Ergebnisse
Das eingeschlossene Studienmaterial erwies sich als bemerkenswert heterogen: fünf randomisierte kontrollierte Studien, drei nicht-randomisierte Pilotstudien, eine Einzelfallstudie und eine nicht-randomisierte Pilotstudie, mit einem Gesamtkollektiv von 559 Probandinnen und Probanden. Sieben der zehn Studien stammten aus den USA, wobei fünf davon auf demselben oder überlappenden Datensätzen einer einzigen US-amerikanischen Forschungsgruppe beruhten. Die untersuchten Interventionen waren breit gefächert und umfassten das Relaxation Response Resiliency Program (3RP) sowie dessen Abwandlung „GetActive“ (mit und ohne Fitbit), ein achtewöchiges modifiziertes Mindfulness-Based Stress Reduction-Protokoll (MBSR), das CBT-basierte PRISM-Programm für Jugendliche, Selbstmitgefühl-Psychoedukation sowie schmerzphysiologische Edukation. In der Mehrzahl der Studien wurden nach den Interventionen Reduktionen im Ausmaß des Katastrophisierens und Verbesserungen der Resilienzscores berichtet; die Effektstärken lagen dabei überwiegend im kleinen bis mittleren Bereich. Die Befunde zur tatsächlichen Schmerzintensität waren hingegen uneinheitlich: Einige Studien zeigten signifikante Verbesserungen in Ruhe und unter Belastung, andere keine oder nicht über Follow-up-Zeiträume hinweg anhaltende Effekte. Positiv wirkten sich die Interventionen auch auf Angst- und Depressionssymptome, Lebensqualität und Schlaf aus.
Diskussion
Die Ergebnisse legen nahe, dass psychologische Interventionen — insbesondere jene mit achtsamkeits- und resilienzbasiertem Schwerpunkt — relevante kognitive Muster wie das Katastrophisieren günstig beeinflussen können, wenngleich die unmittelbare Schmerzlinderung nicht durchgängig nachweisbar ist. Interessant ist die Beobachtung, dass die Reduktion des Katastrophisierens und die Stärkung von Achtsamkeit gemeinsam einen Großteil der Verbesserung depressiver Symptome erklären, während Resilienz für die Angstminderung eine geringere Rolle zu spielen scheint. Dies deckt sich gut mit dem Furcht-Vermeidungs-Modell des Schmerzes, demzufolge Katastrophisieren Wachsamkeit und Vermeidungsverhalten verstärkt und damit adaptive Bewältigungsstrategien untergräbt.
Gleichwohl ist eine kritische Einordnung der vorliegenden Übersichtsarbeit unerlässlich. Erstens ist die Evidenzbasis mit zehn eingeschlossenen Studien äußerst schmal, wobei die deutliche Dominanz einer einzigen US-amerikanischen Forschungsgruppe (fünf Publikationen auf teilweise identischen Datensätzen) die Unabhängigkeit der Befunde einschränkt. Zweitens erfolgte die PROSPERO-Registrierung nach eigenem Eingeständnis der Autorinnen retrospektiv, was methodologische Bedenken hinsichtlich Selektivität und Vorregistrierungstreue aufwirft. Drittens war in vier der zehn Studien keine Kontrollgruppe vorhanden, was kausale Schlussfolgerungen erheblich erschwert. Schließlich wurde die Übersichtsarbeit im MDPI-Journal Healthcare publiziert, einem Open-Access-Titel, der inhaltlich breit aufgestellt ist und nicht zu den Fachjournalen mit dem höchsten Impact Factor im Bereich der Schmerzforschung zählt.
Dennoch liefert der Review einen strukturierten Überblick über ein klinisch relevantes Feld und macht deutlich, wo der Forschungsbedarf besonders dringlich ist: nämlich in Form von gut kontrollierten, methodisch rigorosen randomisierten Studien mit ausreichend großen, diagnostisch homogeneren Stichproben und längeren Follow-up-Zeiträumen.
Klinische Konsequenz
Für die Praxis unterstreicht dieser Review die Sinnhaftigkeit einer frühzeitigen Integration psychologischer Interventionen in multimodale Schmerztherapieprogramme, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit hohem Katastrophisierungsniveau und reduzierter Resilienz. Resilienzfördernde und achtsamkeitsbasierte Programme erscheinen vielversprechend, auch wenn ihre isolierte Wirksamkeit auf die Schmerzintensität bislang nicht konsistent belegt ist. Der Fokus auf Katastrophisieren als primäres Therapieziel — und nicht allein auf die Schmerzstärke — könnte dabei ein produktiverer Ausgangspunkt sein.
References
- PMID: 40150431.